Man stelle sich vor: Der Bus kommt nicht nur pünktlich, sondern weiß auch schon, dass er voll ist. Und teilt dieses Wissen großzügig mit. Per App. In Echtzeit. Mit Künstlicher Intelligenz. So zumindest die Vision, die SPD und Grüne im Wittener Stadtrat jüngst im Ausschuss für Mobilität und Verkehr ausgebreitet haben. Der Bus der Zukunft soll sprechen können – und zwar nicht nur sagen, wann er kommt, sondern auch, ob er noch Platz hat. Für Rollstuhl, Kinderwagen, Fahrrad. Ein Bus mit sozialer Intelligenz, gewissermaßen.
Der Wunsch dahinter ist ehrenwert. Niemand möchte an der Haltestelle stehen bleiben, weil das Fahrzeug bereits voll ist. Das Problem ist nur: Während die Politik von Algorithmen träumt, scheitert der Wittener Nahverkehr zuverlässig an der Uhrzeit.
Auf der Linie 371 etwa verließen Busse im November und Dezember die Haltestellen regelmäßig zu früh. Nicht aus Übereifer, sondern weil die Bordcomputer eine falsche Zeit anzeigten. Die Fahrer folgten brav der Maschine, die sie zwei Minuten vor Plan zur Abfahrt aufforderte. Wer pünktlich kam, war zu spät. Beschwerden folgten. Verwunderung auch. Schließlich hatte man die Bordcomputer erst in diesem Jahr ausgetauscht. Neu heißt hier offenbar: unfertig.
Wochenlang zeigten die Displays im Bus keine Haltestellen an. Oder nur einige. Oder sie sprangen mitten auf der Strecke zurück zur Starthaltestelle, was die digitale Fahrplanauskunft dazu veranlasste, den Bus kurzerhand ans andere Ende der Stadt zu versetzen. Die Apps zeigten Verspätung an, auch wenn der Bus pünktlich war. Der Ticketverkauf funktionierte gelegentlich ebenfalls nicht. Die Fahrer, so hört man, fühlen sich inzwischen wie unfreiwillige Betatester – und melden Bugs an den Verkehrsunternehmer. Man fragt sich leise, warum man dafür kein fertiges System gekauft hat.
Die Probleme enden nicht bei der Verkehrsgesellschaft Ennepe-Ruhr. Auch Subunternehmer der Bogestra kämpfen mit Technik, die sich eher als historische Dokumentation denn als Fahrgastinformation versteht. Seit Linien zunehmend fremdvergeben werden, fehlen in Fahrzeugen Anzeigen zur nächsten Haltestelle, akustische Ansagen oder auch nur der Hinweis, dass jemand den Haltewunschknopf gedrückt hat. In einem Bus der Linie 375 liefen jüngst Veranstaltungstipps aus dem Jahr 2015. Nostalgie auf Rädern.
Währenddessen wartet die Dynamische Fahrgastinformation (DFI) an der Haltestelle Witten Annen S seit Monaten auf ihre eigene Zukunft. Die Bogestra weiß davon und sucht eine Lösung. Auch das gehört mittlerweile zur Grundausstattung des ÖPNV: das geduldige Warten auf Instandhaltung.
Nun wünschen sich die Politiker, dass Verkehrsunternehmen mithilfe von Echtzeitdaten künftig schneller erkennen, wann Zusatzfahrten nötig sind. Auch das klingt gut. Nur stellt sich die Frage: Wer soll fahren? Reservefahrer gibt es kaum noch. Bei einem mehrstündigen Ausfall auf einer Wittener Linie erfuhren wir aus der „Ausfahrt“, dass alle verfügbaren Fahrer bereits im Einsatz sind. Schnell einspringen kann niemand. Seitdem die Bogestra ihren Betriebshof in Witten aufgegeben hat, kann kein Ersatzbus kurzfristig ausrücken. Bei der VER ist der nächste Hof in Ennepetal – 30 Kilometer entfernt. Fällt morgens ein Fahrzeug aus, bleiben Schüler an der Haltestelle stehen. Mehrfach passiert im Dezember 2024. Die Stadt musste eingreifen.
Immerhin: Die Erkenntnis, dass bei künftigen Vergaben auf moderne technische Standards zu achten ist, setzt sich langsam durch. Die Bordcomputer der Subunternehmer werden weiterhin von den Konzessionsinhabern gestellt. Bogestra, BVR und VER könnten also durchaus darauf achten, dass sie funktionieren. Bevor man ihnen beibringt, die Zukunft vorherzusagen.
Vielleicht sollte man dem Bus zuerst beibringen, wo er gerade ist, bevor man ihn fragen lässt, wie voll er ist. Bis dahin bleibt der Wittener ÖPNV ein System, das von der Zukunft spricht, aber an der Gegenwart regelmäßig vorbeifährt.



