Es gibt Orte, die liegen geografisch eindeutig. Und dann gibt es Stockum. Auf jeder Karte befindet sich der Wittener Stadtteil weit oben, nördlich an der Peripherie. Verwaltungslogisch jedoch ist er ein Kind des Südens. Denn im Ennepe-Ruhr-Kreis existiert – im Sprachgebrauch – nur Nord- und Südkreis. Osten? Westen? Offensichtlich Luxus. Und wie es sich für deutsche Verwaltungen gehört, beruht diese sonderbare Raumkrümmung nicht auf Geophysik, sondern auf einem Beschluss.
Vor über drei Jahrzehnten nämlich entschied der Kreistag, die Stockumer Buslinie 371 der Bogestra zu entziehen und der Verkehrsgesellschaft Ennepe-Ruhr (VER) zu überlassen. Man versprach sich: geringere Verluste. Heraus kam: eine buchhalterische Fata Morgana. Man hätte es ahnen können, wollte aber offenbar nicht. Schließlich ist die Milchmädchenrechnung im kommunalen Haushalt eine traditionsreiche Ausdrucksform.
Seitdem zeigt sich jeden Winter, was passiert, wenn Sparlogik auf Realität trifft. Fällt im südlichsten Winkel des Kreises, in Breckerfeld, eine Schneeflocke – also genau eine –, entscheidet die VER, ihren Fahrbetrieb im gesamten Kreisgebiet einzustellen. Sicherheit zuerst. Busfahrer und Passagiere werden vorsorglich vor der größten denkbaren Gefahr bewahrt: dem Winter.
Während anderswo Räumfahrzeuge ausrücken, greift die VER zu einem effizienteren Instrument: dem Fahrplanstopp. Die Stockumer dürfen dann Erfahrungen sammeln, die früher Wandervereinen vorbehalten waren. Kilometerweit entlang von Straßen, ohne Gehwege, mit Einkaufstüten und kalten Händen. Eine Übung in Demut, erklärt mit dem Hinweis auf „aktuelle Witterungsverhältnisse“. Pulverschnee, diese unberechenbare Naturgewalt.
Natürlich geschieht all das nicht ohne digitale Begleitmusik. Um 19.00 Uhr veröffentlicht die VER pflichtbewusst ein Update: Man habe vor elf Minuten den Betrieb eingestellt. Wer um 20.30 Uhr in die App des Verkehrsverbundes schaut, findet indessen noch Fahrten, die angeblich stattfinden sollen. Manche mit dem Hinweis „entfällt“, andere ohne jeden Kommentar – ein Informationsmix, irgendwo zwischen Orakel von Delphi und Behördenfax.
An der Haltestelle könnte der Kunde noch hoffen, dass nur ein Unfall den Bus ausgebremst hat. Dass stattdessen der ganze Betrieb ruht, erfährt er erst als Erkenntnis am eigenen Körper. Ironischerweise rollen von der Haltestelle Dortmund-Oespel S die Busse der Dortmunder DSW21 pünktlich davon. Dasselbe Wetter, dieselben Straßen – nur eine andere Definition von „schwierigen Bedingungen“.
Stockum schaut zu und fragt sich: Liegt das Problem im Klima oder im Kreishaus? Denn während Nachbarunternehmen selektiv fahren, wo es möglich ist, zeigt die VER beeindruckende Konsequenz: Alles oder nichts. Meist nichts. Und der Kreis? Bezahlt. Denn ausgefallene Fahrten sind im System nicht vorgesehen – sie gelten, vergütungsrechtlich, als gefahren. Kontrolle? Fehlanzeige. Eine digitale Infrastruktur, die tatsächlich misst, was stattfindet, nicht vorhanden. Also begnügt man sich mit Vertrauen.
Stockum bleibt damit geografisch im Norden, organisatorisch im Süden und mental irgendwo dazwischen: zwischen Kopfschütteln und resignierter Routine. Die Winter werden kommen, die Flocken auch, ein ehernes Naturgesetz bleibt: Fällt Schnee in Breckerfeld, kommen Stockumer mit dem Bus nicht nach Hause.



