Dreschen, Diesel und Dorfgeschichte – Stockum feiert seinen Dreschtag

Am Rand von Stockum, dort wo die Stadt ins Grün übergeht, tuckern die Motoren, stampfen alte Maschinen und duftet es nach frischem Kuchen. Ein Sommersonntag in Stockum – und die Felder am Heuweg verwandeln sich in eine kleine Zeitreise. Hier laden die Heimatfreunde Stockum/Düren und die HLANZ-Freunde Ruhrgebiet zum Dreschtag, einem Fest, das Landwirtschaftsgeschichte lebendig macht. Zwischen Traktorendonner und trockenen Garben liegt viel Nostalgie – und die Frage nach der Zukunft einer Tradition.

Wenn die Dreschmaschine wieder presst

Reinhard Elfert erklärt, wie die Dreschmaschine funktioniert. (Foto: Marek Schirmer)
Reinhard Elfert erklärt, wie die Dreschmaschine funktioniert. (Foto: Marek Schirmer)

Ein dumpfes Rattern, das rhythmische Klacken einer Trommel, daneben Männer, die gebündeltes Korn in eine bullige Maschine werfen. Wer vor der alten Geringhoff-Dreschmaschine steht, bekommt eine Ahnung davon, wie hart die Arbeit auf den Feldern noch vor hundert Jahren war.

„Vor 1935 gab es in Europa keine Mähdrescher“, erklärt Reinhard Elfert von den HLANZ-Freunden, während er die Vorführung kommentiert. „Damals haben zehn bis zwölf Männer diese Maschine den ganzen Tag bedient – von morgens bis spät in die Nacht. Und dann hieß es: 100-Kilo-Säcke schleppen, immer wieder.“

Reinhard Elfert brachte aus Datteln seine Geringhoff-Dreschmaschine von 1948 nach Witten mit, (Foto: Marek Schirmer)
Reinhard Elfert brachte aus Datteln seine Geringhoff-Dreschmaschine von 1948 nach Witten mit, (Foto: Marek Schirmer)

Heute braucht es nur einen Fahrer, der in der klimatisierten Kabine eines modernen Mähdreschers sitzt. Damals aber war Dreschen Knochenarbeit – und genau daran will Elfert mit seiner Vorführung erinnern. „Man soll sehen, wie schwer es unsere Großväter hatten“, sagt er, während die Maschine erneut ihre schwere Arbeit aufnimmt.

Kleine Fahrer, große Augen

Laurin aus Herdecke (r.) durfte übers Feld den Traktor seines Vaters Tobias Brüggemann fahren. (Foto: Marek Schirmer)
Laurin aus Herdecke (r.) durfte übers Feld den Traktor seines Vaters Tobias Brüggemann fahren. (Foto: Marek Schirmer)

Während die Erwachsenen fachsimpeln, zieht es die Kinder magisch zu den Oldtimer-Traktoren. Laurin aus Herdecke klettert auf den Sitz des „Knubbel-Deutz“ von 1952, den sein Vater Tobias mitgebracht hat. „Es macht einfach Spaß Traktor zu fahren“, strahlt der Schüler.

„Es ruckelt so schön – und der Klang ist toll.“

Malea, gerade alt genug, um über das Lenkrad zu schauen, darf ein paar Meter mitfahren.

„Ich finde es schön – auch wenn man kleiner ist – trotzdem mal Traktor zu fahren“, sagt sie stolz.

Für die Eltern ist es ein entspanntes Familienfest. Katharina aus Dortmund-Syburg beobachtet, wie ihr Sohn begeistert die Maschinen betrachtet. „Für die Kinder ist es ein einmaliges Erlebnis“, sagt sie.

„Und wir Eltern können bei Kaffee und Kuchen einfach mal durchschnaufen.“

Im Stroh sind kleine Überraschungen versteckt – Bonbons, nach denen die Kinder eifrig suchen. Das laute Tuckern, das Lachen der Kinder, die zufriedenen Eltern mit Kuchen in der Hand: Hier wird Geschichte zur lebendigen Freizeitgestaltung.

Kinder suchen Bonbons im Stroh (Foto: Marek Schirmer)
Kinder suchen Bonbons im Stroh (Foto: Marek Schirmer)

Fachgespräche am Feldrand

Doch der Dreschtag ist mehr als ein Familienfest. Er ist auch ein Treffpunkt für die Szene der Oldtimerfreunde. Tobias Brüggemann erklärt neugierigen Besuchern, warum sich ein Deutz-Traktor anders fährt als ein Auto. „Gas und Bremse sitzen oft ganz woanders“, sagt der Herdecker lachend. „Aber leichter lernen als Autofahren kann man’s trotzdem.“

Clemen Pfeiffer zündet eine Lötlampe – einen Bunsenbrenner – um seinen Lanz Bulldog zu starten. (Foto: Marek Schirmer)
Clemen Pfeiffer zündet eine Lötlampe – einen Bunsenbrenner – um seinen Lanz Bulldog zu starten. (Foto: Marek Schirmer)

Brüggemann besitzt neben seinem Deutz von 1952 noch einen Kramer mit Dreizylinder-Motor. „Gerade läuft er nicht, aber das gehört dazu“, meint er gelassen. Am Feldrand tauschen sich die Besitzer über Ersatzteile, Reparaturen und Eigenheiten ihrer Maschinen aus. „Man kennt sich, man sieht, was kaputt war, was repariert wurde – das ist spannend.“

Traktoren-Ausstellung an Heuweg in Witten-Stockum (Foto: Marek Schrmer)
Traktoren-Ausstellung an Heuweg in Witten-Stockum (Foto: Marek Schrmer)

Auch Anna-Lena Irrgang ist mit ihrem Fendt von 1966 dabei. Gemeinsam mit ihrem Freund hat sie erst zwei Traktoren. „Andere Vereinsmitglieder kommen locker auf 14 Stück“, erzählt Lukas Kemper. Für die HLANZ-Freunde, die etwa 200 Traktoren zusammenbringen, ist das Sammeln Leidenschaft, die weit über die Region hinausgeht.

Kemper erzählt, wie er schon als Kind von Traktoren fasziniert war. Einmal ist er mit seinem eigenen Oldtimer sogar bis nach Nordhorn gefahren – viereinhalb Stunden ohne Pause. „Manche fahren lieber, andere basteln“, sagt er. „Aber für uns alle ist es ein Hobby, das verbindet.“

Kuchen, Waffeln und Gemeinschaft

An der Kuchentheke reihen sich Blechkuchen, Torten und Waffeln, gestiftet von Stockumer Familien. Zwanzig Helferinnen und Helfer sorgen für volle Teller und ausreichend Sitzplätze.

Die Heimatfreunde Stockum/Düren sorgten für das leibliche Wohl. (Foto: Marek Schirmer)
Die Heimatfreunde Stockum/Düren sorgten für das leibliche Wohl. (Foto: Marek Schirmer)

„Das gehört einfach dazu – ohne Kuchen wäre es kein Dreschtag“, meint Verena Schmidt, die gerade noch ein Stück Apfelkuchen ergattert. „Es ist ein Teil Stockums geworden – Tradition eben. Man trifft Bekannte, die Kinder haben Spaß, und am Ende nimmt man Waffeln für zu Hause mit.“

Das Wetter, das zunächst Regen verhieß, schlägt am Vormittag um. Die Sonne scheint, 26 Grad, perfektes Festwetter. Erst zögerlich, dann strömen die Familien auf die Felder, genießen Bratwurst, Waffeln – und den besonderen Charme eines Festes.

Land und Leute – mit Problemen

Doch hinter der Idylle steckt auch ein Problem: Platzmangel. „Wir sind hier auf gepachtetem Grund und Boden“, erklärt Landwirt Heinrich-Wilhelm Düren, der die Flächen für das Fest organisiert. „Viele denken, sie könnten überall querfeldein laufen – aber fast alle Felder in Stockum gehören Privatleuten oder Landwirten.“

Nach dem Tod von Christa Bangert, auf deren Hof die Veranstaltung lange stattfand, mussten die Vereine mehrfach umziehen. „Ohne Leute wie Herrn Düren wäre das gar nicht möglich“, sagt Dr. Reinhard Beine von den Heimatfreunden.

Und Beine spricht noch ein weiteres Thema an: die Sorge um die Zukunft.

Dr. Reinhard Beine (l,), stellv. Vorsitzender der Heimatfreunde Stockum/Düren im Gespräch mit Marek Schirmer. (Foto: Gerade Reppel)
Dr. Reinhard Beine (l,), stellv. Vorsitzender der Heimatfreunde Stockum/Düren im Gespräch mit Marek Schirmer. (Foto: Gerade Reppel)

Kampf ums Überleben

„Vielleicht war das einer der letzten Dreschtage“, sagt Beine ernst. „Uns fehlt der Nachwuchs. Wenn wir niemanden finden, der Verantwortung übernimmt, könnte es das gewesen sein.“

Seit Jahren suchen die Heimatfreunde Stockum/Düren neue Vorsitzende, neue Aktive. Doch die Resonanz bleibt schwach. „Die jungen Leute haben andere Interessen“, meint Düren, dessen Mutter Gründungsmitglied war. „Heimatgeschichte, Brauchtum – das zieht heute kaum noch.“

Es klingt wie ein stilles Resümee: Jede Generation hat ihre eigenen Hobbys, ihre eigenen Netzwerke. „Früher hat man noch von den Eltern gelernt – das Brauchtum gepflegt“, sagt Düren. „Heute hat jeder seine eigene Wohnung, sein eigenes Leben. Da geht der Kontakt zwischen den Generationen verloren.“

Porsche Junior Diesel Traktor (Foto: Marek Schirmer)
Porsche Junior Diesel Traktor (Foto: Marek Schirmer)

Zwischen Tradition und Zukunft

Und doch – an diesem Sonntag am Heuweg lebt die Tradition. Maschinen röhren, Kinder lachen, Erwachsene erzählen von früher, wie Gerhard Hölzel aus Dortmund-Oespel, der vor 15 Jahren aus Stockum wegzog und auf dem Fest alte Bekannte trifft. Der Dreschtag ist ein Fest, das Stockum zusammenbringt – Nachbarn, Freunde, ehemalige Bewohner, und Traktorfreunde, die sogar aus Recklinghausen anreisen.

„Der Dreschtag ist ein Stück Heimat“, sagt ein Besucher. „Und wenn er verschwinden würde, ginge etwas Wichtiges verloren.“

Ob es eine Fortsetzung geben wird, ist ungewiss. Aber dieser Tag hat gezeigt, wie viel Leben noch in der alten Tradition steckt – und wie sehr sie die Menschen bewegt.

Auch für den Heimweg bleiben Bonbons übrig. (Foto: Marek Schirmer)
Auch für den Heimweg bleiben Bonbons übrig. (Foto: Marek Schirmer)

Fazit

Der Dreschtag in Stockum ist mehr als eine nostalgische Vorführung alter Maschinen. Er ist ein Fest für die ganze Familie, ein Treffpunkt für Technikbegeisterte – und ein Stück lebendiges Dorfleben.

Doch hinter den fröhlichen Bildern steht eine ernste Frage: Wird es die Heimatfreunde Stockum/Düren nächstes Jahren noch geben? Die Antwort kennt heute niemand. Aber wer an diesem Sonntag dabei war, weiß: Es wäre ein schmerzlicher Verlust.

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