Schaupflügen: Zwischen Lanz, Landwirtschaft und Dorfgeschichte

Witten-Stockum. Der Klang eines Lanz Bulldogs ist unverwechselbar. Das tiefe Tuckern der historischen Motoren gehörte am Sonntag (30.8.) wieder zu einem Tag, an dem sich Stockum auf seine landwirtschaftlichen Wurzeln besann. Auf den Feldern wurde gepflügt, alte Traktoren waren im Einsatz und zahlreiche Besucherinnen und Besucher nutzten die Gelegenheit, Landwirtschaft nicht nur aus der Entfernung zu betrachten, sondern unmittelbar zu erleben.

Für Gerd Gras aus Witten-Stockum war die Veranstaltung deshalb weit mehr als ein Treffen von Technikfreunden. Stockum sei schließlich ein altes Bauerndorf, sagte der Rechtsanwalt im Ruhestand. Im Herbst hätten die Bauern früher draußen auf den Feldern gearbeitet und gepflügt. Genau diese Arbeit werde bei der Veranstaltung noch einmal sichtbar gemacht – auch für die jüngere Generation. „Damit wir und unsere Kinder noch mal sehen, wie es geschehen ist.“

Dass historische Landmaschinen Erinnerungen wecken können, erlebte Sabine Brinkmann aus Bochum-Altenbochum bei einer Fahrt mit einem Lanz Bulldog. Für sie sei die Fahrt eine Reise zurück in ihre Kindheit gewesen. Sie sei auf dem Dorf aufgewachsen und habe damals erlebt, wie mit alten Treckern die Felder bestellt wurden. Besonders der typische Klang des Lanz sei für sie etwas Besonderes. „Dieser Sound Lanz – das hat kein anderer Trecker. Das ist schon schön zu hören.“

Auch für Frank Horstmann aus dem Tiefendorf gehörte vor allem das Wiedersehen mit vielen Menschen aus Stockum zum Reiz der Veranstaltung. Dazu komme die gesellige Seite mit Bratwurst und Bier. Mit landwirtschaftlichen Maschinen ist er seit seiner Jugend vertraut. Vom Fenster aus seien Traktoren in seiner Heimat stets zu sehen gewesen, erzählt er. Seine Familie besitze noch etwas Land, das heute an einen Nachbarn verpachtet sei.

Die Faszination für die Maschinen sei jedoch immer geblieben. In seiner Jugend habe er selbst bei der Ernte geholfen – beim Strohpressen, bei der Maisernte und bei der Bodenbearbeitung. Auch auf dem Traktor habe er damals regelmäßig gesessen.

Ein Fest für Stockum

Organisiert wurde die Veranstaltung von den Heimatfreunden Stockum/Düren gemeinsam mit den H. LANZ Freunden. Christian Schuh, Vorsitzender der Heimatfreunde Stockum/Düren, erklärte, beide Vereine hätten nach einer Gelegenheit gesucht, Bürgerinnen und Bürger zu einem gemeinsamen Fest nach Stockum einzuladen.

Das Konzept ging offenbar erneut auf. Das Wetter spielte mit: trocken genug, aber nicht zu heiß. Auch an den Verkaufsständen herrschte reger Betrieb. Der Kuchenstand sei beinahe „geplündert“ worden, berichtete Schuh, und von den rund 450 Bratwürsten sei am Ende ebenfalls kaum noch etwas übrig gewesen. Für die Organisatoren ein deutliches Zeichen dafür, dass die Veranstaltung viele Menschen nach Stockum gelockt hatte.

Für Andreas Gierse war die Rückkehr nach Stockum zugleich eine Reise in die eigene Vergangenheit. Der heute in Sendenhorst im Kreis Warendorf lebende Landwirt wuchs in Stockum auf. Seine Familie zog 1978 an die Dürener Straße, direkt in die Nachbarschaft eines landwirtschaftlichen Betriebs.

Schon als Kind habe er dort die Maisernte, das Häckseln und die Arbeit auf den Feldern beobachtet. Daraus sei früh der Wunsch entstanden, selbst in der Landwirtschaft zu arbeiten. Nach dem Abitur habe sich dieser Wunsch schließlich erfüllt.

Damals sei es allerdings noch deutlich schwieriger gewesen als heute, ohne familiären landwirtschaftlichen Hintergrund einen Arbeitsplatz in der Branche zu finden, erinnert sich Gierse. Das habe sich mit dem Strukturwandel verändert. Viele Betriebe seien größer geworden und auf zusätzliche Arbeitskräfte angewiesen.

Heinrich-Wilhelm Düren, Landwirt im Ruhestand aus dem Wittener Ortsteil Düren, erinnert sich ebenfalls an die Anfänge von Gierses Begeisterung für die Landwirtschaft. Der Wunsch sei bei ihm offensichtlich von innen gekommen, sagt Düren. Die Nachbarn hätten diesen Weg unterstützt. Die Kinder seien miteinander zur Schule gegangen und hätten viel Zeit in der Nachbarschaft verbracht. Wenn sie am Feldrand standen, habe man sie auch schon einmal auf dem Traktor mitgenommen.

Auch Stadtkinder entdecken die Landwirtschaft

Nach den Erfahrungen von Heinrich-Wilhelm Düren ist das Interesse an der Landwirtschaft auch heute noch vorhanden – und zwar nicht nur bei Kindern aus Bauernfamilien. Immer wieder gebe es junge Menschen, die sich für die Arbeit auf dem Hof begeistern könnten. Besonders überrascht habe ihn, dass darunter auch viele Abiturienten seien.

In diesem Jahr habe sein Betrieb zwei Erntehelfer beschäftigt. Man hätte früher kaum für möglich gehalten, dass „Stadtkinder“ sich so gut in die Landwirtschaft einfinden könnten, sagt Düren. Die beiden jungen Menschen hätten sich offenbar so sehr für die Arbeit begeistert, dass sie anschließend sogar Landwirtschaft studieren wollten.

Neben den Menschen stand bei der Veranstaltung natürlich auch die Technik im Mittelpunkt. Martin Berkenkopf, Mitglied der H. LANZ Freunde aus Hagen, präsentierte einen Deutz D 40 06 – und der Traktor gehört ihm selbst.

Seine Begeisterung für alte Landmaschinen hat familiäre Wurzeln. Sein Großvater besaß einen Nebenerwerbsbauernhof und kaufte den Trecker 1974 neu. Über seinen Onkel gelangte die Maschine schließlich in Berkenkopfs Besitz.

Die Veranstaltung der H. LANZ Freunde sei für ihn eine willkommene Gelegenheit, historische Technik nicht nur auszustellen, sondern auch tatsächlich einzusetzen. Mit kleineren Oldtimer-Traktoren auf dem Feld zu arbeiten, sei heute schließlich nicht mehr selbstverständlich.

Landwirtschaft zwischen Stadt und Ruhrgebiet

Wie aktuell die Landwirtschaft rund um Stockum ist, zeigte auch der Vortrag von Landwirt Phillip Ruck. Er sprach während der Veranstaltung über die Entwicklung der Landwirtschaft und die Veränderungen auf den Feldern rund um den Wittener Stadtteil.

Die Flächen zwischen Bochum und Dortmund waren in der Vergangenheit mehrfach als mögliche Gewerbegebiete im Gespräch. Vereine wie Kiebitz e.V. in den 1980er- und 1990er-Jahren sowie später „Stockum wehrt sich“ organisierten Widerstand gegen entsprechende Planungen. Für die Landwirte geht es dabei um mehr als Landschaftsschutz: Sie fürchten vor allem um ihre Anbauflächen.

Ruck bezeichnet die Gegend rund um Stockum als eines der letzten größeren zusammenhängenden Ackerbaugebiete zwischen Bochum und Dortmund. Sein eigener landwirtschaftlicher Betrieb liegt in Witten am Sonnenschein, mitten in der Bebauung. Die bewirtschafteten Flächen verteilen sich jedoch auch rund um Stockum.

Gleichzeitig verändert sich die Landwirtschaft. Der vergangene Frühsommer sei sehr heiß gewesen und habe einigen Kulturen erheblich zugesetzt, berichtet Ruck. Teilweise habe es Sorgen gegeben, ob die gewohnten Erträge überhaupt noch erreicht werden könnten. Die guten Böden in Witten hätten den Pflanzen jedoch geholfen, die Hitze vergleichsweise gut zu überstehen. Insgesamt sei die Ernte durchschnittlich bis gut ausgefallen.

Wenn es sehr trocken sei, könne bei der Bodenbearbeitung allerdings Staub entstehen. Die Landwirte versuchten deshalb, entsprechende Arbeiten möglichst in die Morgen- oder Abendstunden zu verlegen. Mit gegenseitiger Rücksichtnahme funktioniere das Zusammenleben zwischen Landwirtschaft und Anwohnern in Stockum jedoch nach seiner Erfahrung gut. Größere Konflikte gebe es kaum.

Vom Getreide zum Feldgemüse

Traditionell ist die Region wegen ihrer fruchtbaren Böden vor allem vom Getreideanbau geprägt. Raps, Weizen, Gerste und Roggen bestimmen seit vielen Jahren die Felder. Doch das Spektrum verändert sich.

Immer stärker rücke der Anbau von Feldgemüse in den Blick, erklärte Ruck. Kulturen mit einer höheren Wertschöpfung könnten den Betrieben helfen, auf steigende Kosten zu reagieren. Die Böden rund um Stockum böten dafür gute Voraussetzungen.

Zu den möglichen Kulturen gehören Kartoffeln, Zwiebeln und Möhren, aber auch Rüben. Sorgen vor größeren Problemen durch Diebstahl habe Ruck trotz des Anbaus von Kartoffeln und anderen für Spaziergänger leicht zugänglichen Kulturen nicht. Dass gelegentlich jemand eine kleine Menge vom Feld mitnehme, komme vor, bewege sich aber in einem überschaubaren Rahmen.

Wer regionale Produkte kaufen möchte, müsse sich ohnehin nicht selbst auf dem Feld bedienen. Rund um Stockum gebe es Hofläden und Möglichkeiten zum Ab-Hof-Verkauf, betont Ruck.

Die Veranstaltung zeigte damit nicht nur historische Landwirtschaft. Zwischen Lanz Bulldog und modernem Ackerbau wurde deutlich, dass Stockums landwirtschaftliche Geschichte keineswegs nur Vergangenheit ist. Noch immer prägen Felder, Höfe und Landwirte den Stadtteil – und sie gehören zu einem der letzten großen grünen Räume zwischen Bochum und Dortmund.

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