Witten-Stokum. Es ist ein stilles Drama, wie es sich in vielen Stadtteilen abspielt: Traditionsvereine, getragen von Engagement und Erinnerung, geraten ins Schlingern, weil die Generationenfrage ungelöst bleibt. Auch die Heimatfreunde Stockum/Düren e.V. standen kurz vor diesem Punkt. Auflösung als reale Option, der Fortbestand ungewiss. Umso bemerkenswerter ist, was sich am Mittwochabend im Paul-Gerhardt-Haus ereignete: Der Verein hat sich – vorerst – selbst gerettet.
38 Mitglieder waren zur außerordentlichen Jahreshauptversammlung erschienen. Anlass war eine Leerstelle, die gefährlich groß geworden war. Bereits auf der regulären Jahreshauptversammlung im Mai 2025 hatte sich kein neuer Vorstand gefunden. Der damalige Vorstand erklärte sich nur unter einer Bedingung bereit, die Geschäfte weiterzuführen: bis Ende des Jahres müssten Nachfolger gefunden werden, sonst stünde die Auflösung zur Abstimmung. Ein Ultimatum, das wirkte.
Denn im Oktober meldeten sich zwei Interessenten, die nun zu Hoffnungsträgern wurden: Christian Schuh und Jonas Bredemeier. Beide stellten sich den Mitgliedern vor, schilderten ihren beruflichen Hintergrund, ihre persönliche Verbindung zu Stockum und ihre Motivation, Verantwortung zu übernehmen. Die Wahl verlief anschließend nüchtern, fast sachlich – und einstimmig. Schuh wurde zum ersten Vorsitzenden gewählt, Bredemeier zum Geschäftsführer. Der bisherige Vorsitzende Dr. Reinhard Beine und Klaus Danielmeier bleiben dem Vorstand bis zur Jahreshauptversammlung 2026 als zweiter Vorsitzender und stellvertretender Geschäftsführer erhalten. Eine Übergangslösung, aber eine stabile.

Dass dieser Verein mehr ist als ein Verwaltungsakt, machte Beine in seinem Rückblick deutlich. In den vergangenen Monaten haben die Heimatfreunde gezeigt, dass sie präsent sind – thematisch breit, lokal verankert und offen für Kooperationen. Heimatnachmittage mit Vorträgen zur Bergbaugeschichte, zur Landwirtschaft in Stockum oder mit politischen Gästen wie der Bundestagsabgeordneten Dr. Katja Strauss-Köster, ein Dreschtag mit HLANZ Freunde Ruhrgebiet, ein Ausflug ins Naturkundemuseum Dortmund, eine Bildungsreise nach Berlin, die Teilnahme am „Langen Abend der Stadtgeschichte“ und nicht zuletzt ein gemeinsames Adventstreffen im „Treppchen“: Das Programm war ambitioniert und gut besucht.
Die Arbeit der Heimatfreunde war dabei nie museal im engeren Sinne. Zwar liegt der Vereinszweck traditionell im Sammeln und Bewahren lokaler Geschichte, doch genau hier beginnt nun eine selbstkritische Neubewertung. Neue historische Quellen seien rar geworden, räumte der Vorstand ein. Deshalb richtet sich der Blick stärker nach vorn: Was erwarten die Mitglieder heute von einem Heimatverein? Welche Formate, welche Themen, welche Beteiligungsmöglichkeiten? Ein Fragebogen, entwickelt von Archivarin Karoline Robbert und Karl-Heinz Thomas, soll Antworten liefern – anonym, aber mit der Einladung zur aktiven Mitarbeit.
Für die Zukunft bedeutet das: weniger Rückzug ins Archiv, mehr Dialog. Die geplante Jahreshauptversammlung 2026 soll regulär stattfinden, einige Vorstandspositionen werden dann erneut zur Wahl stehen. Erste Termine für das kommende Jahr stehen bereits fest, darunter ein gemeinsames Grünkohlessen im Januar. Es sind kleine, bodenständige Schritte – aber genau darin lag schon immer die Stärke solcher Vereine.
Der Abend endete ohne Pathos, aber mit einem Satz, der hängen blieb: „Der Verein lebt.“ Vielleicht ist das im Jahr 2025 schon ein Erfolg an sich. Und vielleicht ist es auch ein Signal über Stockum hinaus, dass Engagement nicht verschwindet – es braucht nur manchmal einen neuen Anfang, bevor es zu spät ist.




