Dirk Leistner – Ein Bürgermeister, der zuhört

Als Dirk Leistner sein Büro betritt, wirkt er nicht wie der Prototyp eines Karrierepolitikers. Kein geschliffenes Pathos, kein gestanztes Politikerlächeln. Stattdessen dieses offene, fast jungehafte Gesicht eines Mannes, der spürbar lieber zuhört, als Sätze zu setzen, die nach Schlagzeile klingen. Ein Bürgermeister, der über sich sagt: „Ich mag Menschen.“ In Zeiten politischer Verhärtung wirkt dieser Satz bemerkenswert naiv – und gleichzeitig wohltuend ehrlich.

Ein Leben zwischen 0 und 1 – und dazwischen das Menschliche

1973 in Bochum geboren, wächst Leistner in Bochum-Weitmar auf, zusammen mit seinem Bruder. Kein spektakulärer Lebenslauf, eher bodenständig. 23 Jahre ist es her, dass er nach Witten zog – gemeinsam mit seiner Frau, mit der er hier auch eine Familie gründete. In seinen Erzählungen beschreibt er Witten mit einer Wärme, die man sonst eher von Zugezogenen aus Wahlkampfbroschüren kennt. Nur dass es bei ihm nicht nach Broschüre klingt.

Beruflich startet Leistner tief in der IT – ein Mann, der sich mit Nullen und Einsen lange ausgesprochen wohlfühlte. EDV in der Volkshochschule, dann interaktive Dienste für die Stadt Bochum, Java-Programmierung, gemeinsames Software-Engineering mit anderen Kommunen, später SAP-Schnittstellenentwicklung. Einer, der die Verwaltungsdigitalisierung schon betrieb, als viele Städte noch Faxgeräte als Zukunftstechnologie betrachteten.

Doch irgendwann, sagt er, sei ihm die reine Arbeit mit Code „nicht genug“ gewesen. Seine Frau habe ihn damals darauf hingewiesen, dass es zwischen 0 und 1 „auch Grautöne“ gebe. Eine kleine Bemerkung, die viel über den Menschen Leistner verrät: humorvoll, nachdenklich, empfänglich für Zwischentöne.

Vom Techniker zum Gestalter

Der Wunsch nach Verantwortung, nach Gestaltungsmöglichkeiten führt ihn 2012 ins zentrale Projektmanagement der Stadt Bochum. Prozessoptimierung, Personalbedarfsberechnungen, Organisationsentwicklung – Leistner baut Expertise in einem Bereich auf, der so trocken klingt, wie er politisch wichtig ist. Wer Verwaltungen verändern will, muss sie zuerst verstehen.

Ein Höhepunkt: 2017 konzipiert er das neue städtische Service Center, ein Projekt, das ihm Reputation verschafft – als jemand, der Verwaltung modernisieren kann, ohne die Menschen darin zu vergessen.

Der Weg ins Bürgermeisteramt

Politiker war Leistner nie. Kein Ratsmandat, kein klassischer Parteiparcours, kein jahrzehntelanger Aufstieg durch Ortsvereine. Als er darüber nachdachte zu kandidieren, brauchte er ein Dreivierteljahr, bis er sicher war, diesen Schritt gehen zu wollen. Denn er wollte wissen, ob er dafür geeignet sei – fachlich, aber auch menschlich.

Seine Familie diskutierte lange mit. „Papa darf das machen“, lautet schließlich das Votum zu Hause. Ein Satz, der zeigt, wie sehr das Private für Leistner Maßstab politischen Handelns bleibt.

Der Bürgermeister, der sein Fahrrad draußen stehen lässt

Leistner radelt gerne. Ein simples Hobby, das für ihn fast zu einem politischen Statement wird. Er erzählt, wie er hadert, wenn er mit dem Fahrrad zur Arbeit kommt, aber der Dienstwagen noch bewegt werden muss. Dass er sein Rad dennoch draußen abstellt – wie alle anderen – ist für ihn ein Symbol: Der Bürgermeister ist kein Sonderfall.

Dieses Bekenntnis zur Normalität begleitet ihn durch viele seiner Entscheidungen. Er spricht über „Arbeitsatmosphären“, rückt Tische zurecht, weil neue Perspektiven auch neue Ideen eröffnen. Er lebt Veränderung im Kleinen – und hält nichts von Pathos im Großen.

Ein organisatorischer Pragmatiker mit digitalem Kompass

Sein Blick nach vorn: digitale Transformation, die Witten effizienter und bürgernäher machen soll. Eine modernere Innenstadt, mehr Sauberkeit und Sicherheit. Enge Zusammenarbeit mit Polizei, Betriebsamt, lokalen Unternehmen.

Doch Leistner ist kein Technokrat. Er ist ein Systemversteher mit menschlichem Fokus. Wer seine Aussagen hört, merkt: Ihm geht es um Prozesse – aber noch mehr um die Menschen darin. Wenn Mitarbeitende über schlechte Ausstattung klagen, sei das nicht Nebensache, sondern „eine Frage der Motivation“.

Führungsstil: nahbar, respektvoll, konsequent in der Sache

Leistners Führungsstil lässt sich mit drei Begriffen beschreiben:

1. Nahbarkeit.
Er betont persönliche Begegnungen, sucht den Austausch auf Märkten, in Quartieren, bei Unternehmen. Er will hin zu den Menschen – nicht nur im Wahlkampf.

2. Respekt als Grundhaltung.
In politischen Auseinandersetzungen leitet ihn weniger Parteidenken als die Haltung, dass „Menschen verschieden sind – laut, leise, vorbereitet, impulsiv“. Sitzungen sollen höflich ablaufen, Befindlichkeiten sollen keine Politik machen.

3. Sachorientierte Diplomatie.
Er versteht sich als Vermittler zwischen Bürger*innen, Verwaltung und Politik – ein Diplomat, der nicht alles selbst erledigt, aber Verantwortung für den Prozess übernimmt. Entscheidungen sollen begründet, transparent und nachvollziehbar sein.

Was auffällt: Leistner redet viel über Verantwortung, aber nie über Macht. Er spricht über Chancen, aber kaum über Prestige. Er ist – zumindest nach seinen ersten Wochen – ein Bürgermeister, der eher moderiert als inszeniert.

Ein leiser Optimist

Als er über seine Wünsche für Witten spricht, klingt es überraschend unpolitisch: weniger Ellenbogen, mehr Begegnung, mehr Freundlichkeit. Man könnte das als naives Leitbild abtun – wenn da nicht der Eindruck wäre, dass Leistner genau so lebt.

Vielleicht braucht Witten genau diesen Typ Bürgermeister: einen Zuhörer, der Veränderung nicht als großen Wurf verkauft, sondern als behutsame, aber entschlossene Bewegung nach vorn. Einen, der daran glaubt, dass Moderne und Menschlichkeit kein Widerspruch sind.

Dirk Leistner ist noch am Anfang seiner Amtszeit. Aber eines lässt sich schon jetzt sagen: Er ist ein Bürgermeister, der nicht lauter werden will, um gehört zu werden. Und vielleicht ist genau das seine größte Stärke.

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