Samstag (26.9.), ein Dachstuhl steht in Flammen, Rauch zieht über Stockum, Straßen werden abgeriegelt. Für die Feuerwehr beginnt ein Einsatz, der bis in den nächsten Tag reicht. Was vor Ort wie Chaos aussieht, folgt einem präzisen Ablauf. Und selbst als die Flammen längst gelöscht sind, ist der Einsatz noch nicht vorbei.
Es ist kurz vor fünf Uhr am Nachmittag, als der Heuweg in Witten-Stockum zum Einsatzort wird. Um 16.52 Uhr geht bei der Feuerwehr Witten der Alarm ein: gemeldeter Dachstuhlbrand. Schon während der Anfahrt sehen die Einsatzkräfte, dass es nicht bei einer kleinen Rauchentwicklung bleiben wird. Der Rauch ist massiv.
Als die ersten Feuerwehrleute eintreffen, bestätigt sich die Meldung, beschreibt Daniel Müller, Pressesprecher der Feuerwehr Witten, die Lage während des Einsatzes. Der Dachstuhl eines Wohngebäudes steht in voller Ausdehnung in Flammen. Was wenige Minuten zuvor noch eine Meldung auf einem Einsatzdisplay war, ist nun ein Großbrand. Die ersten Kräfte beginnen unmittelbar mit den Maßnahmen. Etwa 50 Einsatzkräfte sind nach kurzer Zeit vor Ort, die Zahl steigt weiter.
Erst die Menschen, dann das Feuer
Für Außenstehende ist der Anblick zunächst schwer einzuordnen. Schläuche liegen auf der Straße, Einsatzfahrzeuge stehen rund um den Brandort, Wasser wird über Hydranten herangeführt. Menschen stehen in einiger Entfernung und beobachten das Geschehen.

Doch für die Einsatzleitung stellt sich zunächst eine andere Frage: Sind noch Menschen im Gebäude? „Unser oberstes Ziel“ sei es, zu klären, ob sich Personen im Gebäude befinden sagt Müller. Erst danach beginnt die eigentliche Brandbekämpfung. Drei Personen hatten das Haus unmittelbar verlassen und sich selbst in Sicherheit gebracht. Neun sind dort gemeldet. Ob möglicherweise weitere Menschen im Gebäude sind, muss zunächst erkundet werden. Am Ende steht fest: Niemand wird verletzt. Das ist zu diesem Zeitpunkt die wichtigste Nachricht. Gleichzeitig beginnt die Feuerwehr mit einem massiven Löschangriff von mehreren Seiten.
Rauch über Stockum
Während am Heuweg gelöscht wird, verändert sich auch das Umfeld. Die Rauchentwicklung ist so stark, dass die Feuerwehr eine Warnung über die NINA-WarnApp herausgibt. Um 17.54 Uhr werden Menschen im Stadtgebiet aufgefordert, vorsorglich Fenster und Türen geschlossen zu halten. Die Warnung bleibt bis zum folgenden Morgen um 5.37 Uhr bestehen.
Der Rauch ist inzwischen weithin sichtbar. Mit zunehmender Dunkelheit wird die Wolke über dem Brandort noch deutlicher. Der Brandgeruch liegt in der Luft. Müller erklärt, warum die Warnung notwendig ist: Rauch sei grundsätzlich gefährlich. Deshalb sollen auch Menschen in anderen Stadtteilen gewarnt werden.
Auf den Straßen rund um den Heuweg verändert sich das Bild ebenfalls. Gegen 17 Uhr werden die Pferdebachstraße und die Stockumer Straße im Bereich Stockum vollständig gesperrt. Auch die Kreuzung Sträterkampstraße/Heuweg wird von der Polizei abgesperrt.

Vor dem ehemaligen Jugendzentrum sammeln sich Menschen. Sie sitzen auf Treppen und am Bordstein und schauen in Richtung des brennenden Hauses. Die Feuerwehr hat ihren Einsatzbereich auf dem Parkplatz der ehemaligen Neuapostolischen Kirche eingerichtet. Vor der Sporthalle entsteht die Einsatzzentrale. Bänke werden aufgestellt, darauf stehen Lebensmittel und Getränke.
Für die Bewohner des brennenden Hauses ist die Situation eine andere. Die Feuerwehr informiert sie darüber, wo sie Hilfe bekommen können und wann sie ungefähr mit der Kriminalpolizei rechnen müssen.
Ein ganzes Viertel wird zum Einsatzraum
Der Einsatz beschränkt sich längst nicht mehr auf das Gebäude selbst. Mit fortschreitender Zeit wächst der abgesperrte Bereich. Nach 19 Uhr zieht die Polizei den Sperrradius weiter. Zuschauer müssen den Bereich vor dem ehemaligen Jugendzentrum verlassen. An den Zugängen finden Kontrollen statt. Die Pferdebachstraße wird nun bereits am Helfkamp gesperrt.
Für den örtlichen Einzelhandel hat das unmittelbare Folgen. Der Edeka Hasler und Malzers Backstube sind weder zu Fuß noch mit dem Auto erreichbar und schließen schließlich. Die Lebensmittel, die eigentlich für Kunden bestimmt waren, werden an die Feuerwehr gespendet.
Auch der öffentliche Nahverkehr gerät in die Ausnahmesituation. Gegen 19.40 Uhr steht ein Linienbus plötzlich vor der Sperrung an der Bezirkssportanlage auf der Pferdebachstraße. Der Fahrer ist offenbar falsch informiert worden. Der Bus wendet und fährt über Bebbelsdorf, die Hörder Straße und die Himmelohstraße weiter in Richtung Dortmund. Den Fahrer erreichte die Nachricht, dass die Hörder Straße gesperrt ist. Zur Sperrung kommt es jedoch nicht.
Es sind die kleinen Situationen am Rand des Großbrandes, die zeigen, wie weitreichend ein solcher Einsatz in den Alltag eines Stadtteils eingreift.
Die Feuerwehr holt Verstärkung aus Dortmund
Am Brandobjekt selbst sind die Löschmaßnahmen zu diesem Zeitpunkt längst aufwendig.
Die Feuerwehr Witten arbeitet mit zwei Drehleitern und mehreren Strahlrohren. Die Drohneneinheit wird hinzugezogen. Auch ein Baufachberater wird angefordert, um die Gebäudestatik zu beurteilen.
Dann kommt Unterstützung aus Dortmund. Der Drehleiterwagen der Feuerwehr Witten wird durch einen 54 Meter hohen Teleskopmast der Feuerwehr Dortmund ersetzt. Das Spezialfahrzeug kommt von der Feuer- und Rettungswache 1 in der Dortmunder Innenstadt nach Stockum.
Der Grund liegt in der Bauweise des Einsatzortes: Mit dem Teleskopmast kann sich die Arbeitsbühne über das Gebäude stellen. Von dort aus können mehrere Feuerwehrleute gleichzeitig an der Dachhaut arbeiten.
So ein Fahrzeug ist im Ennepe-Ruhr-Kreis nicht vorhanden. Es handelt sich um ein Sonderfahrzeug, das unter anderem für hohe Gebäude eingesetzt wird.
Das Feuer sitzt im Dach
Gegen 22 Uhr beginnt die Feuerwehr, das Gebäude weiter zu öffnen. Von außen ist längst nicht mehr überall sichtbar, was im Inneren des Dachgeschosses geschieht. Doch dort befinden sich Glutnester.
Um sie zu erreichen, muss die Dachhaut geöffnet werden. Die Feuerwehr öffnet Teile der Daches und versucht, Wasser gezielt in die Hohlräume zu bringen. Das Ziel ist, die Glutnester zu erreichen, die von außen nicht direkt gelöscht werden können.
Es ist ein Haus aus dem Jahr 1904. Die Frage liegt nahe, ob ein solches Gebäude schwieriger zu löschen ist als ein modernes.
Müller widerspricht einer einfachen Antwort. Jedes brennende Gebäude sei schwierig zu löschen, weil die Einsatzkräfte die genaue Bausubstanz nicht vollständig kennen könnten. Alte und neue Gebäude ließen sich deshalb nicht pauschal unterschiedlich behandeln. In beiden könnten Dämmstoffe, Verbundstoffe und nachträgliche Modernisierungen eine Rolle spielen. Von außen lasse sich nicht beurteilen, wie gut oder schlecht ein Haus zu löschen sei.
Eine Drohne sieht, was vom Boden verborgen bleibt
Über dem Gebäude kommt eine weitere Technik zum Einsatz. Die Feuerwehrdrohne liefert Luftbilder. Noch wichtiger ist ihre Wärmesignatur-Kamera. Von oben lässt sich erkennen, wo sich Wärmequellen befinden und wo möglicherweise noch Glutnester liegen. Was vom Boden aus verborgen bleibt, kann die Feuerwehr aus der Luft lokalisieren. Die Drohne hilft damit, die Brandbekämpfung gezielter zu machen.

Später, bei Dunkelheit, wird die Einsatzstelle großflächig ausgeleuchtet. Die Energieeinheit des Ennepe-Ruhr-Kreises übernimmt diese Aufgabe. Der Baufachberater kommt zu dem Ergebnis, dass derzeit keine Einsturzgefahr besteht. Bewohnbar ist das Gebäude dennoch nicht. Für die betroffenen Anwohner wird eine private Unterbringung organisiert.
Der Einsatz endet nicht mit dem Löschen
Bis Sonntagmorgen um 4.30 Uhr bleibt die Feuerwehr im Einsatz. Danach beginnt die Brandwache. Sie dauert bis etwa 13 Uhr. Anschließend sind regelmäßige Kontrollfahrten vorgesehen – im Zwei-Stunden-Takt. Am Sonntag ist das Feuer offiziell unter Kontrolle. Doch die Gefahr ist noch nicht vollständig verschwunden.

„Einzelne Glutnester“ müssen nachgelöscht werden, berichtet Müller. Weil das Gebäude nicht vollständig eingestürzt und nicht vollständig zerstört ist, gibt es Stellen, die für die Einsatzkräfte nur schwer erreichbar sind. Dort können sich erneut kleine Glutnester bilden und Rauch entwickeln. Das erklärt auch, warum am Sonntag erneut Feuerwehrfahrzeuge am Heuweg auftauchen. Menschen haben Rauch gesehen und gemeldet.
Für Außenstehende kann das irritierend wirken: Das Feuer ist doch gelöscht.
Für die Feuerwehr ist die Situation dagegen erwartbar. Das Gebäude besteht aus massiven Bauteilen und verfügt über Dämmung. In einzelnen Bereichen kann der Wasserstrahl nicht bis zu den Glutnestern vordringen. Dort können sich erneut kleinere Glutnester bilden. Müller beschreibt den daraus entstehenden Rauch als nicht lebensgefährlich und zu diesem Zeitpunkt auch nicht gefährlich für die Umwelt.

Warum es manchmal länger dauert, als es aussieht
Von außen betrachtet kann ein Feuerwehreinsatz chaotisch wirken. Viele Fahrzeuge, Schläuche, Menschen, Blaulicht. Entscheidungen, die für Beobachter kaum nachvollziehbar sind. Müller kennt diesen Eindruck. Für die Feuerwehr selbst sei der Ablauf dagegen Routine. Die Einsatzkräfte wüssten, welche Zugriffsmöglichkeiten sie haben, welche Schläuche wohin verlegt werden müssen und welche Schritte notwendig sind.
„Es ist schnell, es sieht hektisch aus“, sagt Müller, „aber es ist komplett so, wie es sein soll.“ Auch die Frage nach der Geschwindigkeit des Einsatzes beschäftigt die Anwohner. Einige haben den Eindruck, die Feuerwehr habe nicht schnell genug eingegriffen. Die Feuerwehr beschreibt den Ablauf anders: Zunächst muss beim Eintreffen die Lage erkundet werden. Vor allem muss geklärt werden, ob Menschen im Gebäude sind. Erst danach kann die Brandbekämpfung entsprechend organisiert werden. Der Eindruck von außen und der tatsächliche Ablauf eines Feuerwehreinsatzes können deshalb weit auseinanderliegen.
Stockum hilft
Mitten in diesem langen Einsatz entsteht auch ein anderes Bild. Die Feuerwehrleute werden von Anwohnern mit Essen und Getränken versorgt. Besonders erwähnt Müller den Edeka, der aufgrund der Straßensperrung keine Kunden mehr empfangen kann und deshalb Lebensmittel spendet. „Das sieht man nicht jeden Tag“, sagt der Pressesprecher. Die Menschen hätten gesehen, was die Feuerwehr leiste, und etwas zurückgeben wollen. Es ist ein kleiner Gegenpol zu den Bildern von Flammen, Rauch und Absperrgittern.
Was geschah in dem Haus?
Am Ende bleibt eine der wichtigsten Fragen unbeantwortet. Warum hat es gebrannt? Die Feuerwehr kann dazu keine Angaben machen. Bereits während des Einsatzes verweist sie auf die Polizei. Nachdem das Feuer unter Kontrolle gebracht ist, wird das Gebäude von der Kriminalpolizei beschlagnahmt. Die Ermittler übernehmen die Suche nach der Brandursache. Die Ursache des Brandes ist damit weiterhin offen. Das Technische Hilfswerk hat das Gebäude umzäunt. Die Einfahrt zum Heuweg bleibt bis auf Weiteres gesperrt.

Eine Nacht, die am nächsten Tag weitergeht
Was am Samstag um 16.52 Uhr mit einem Alarm wegen eines brennenden Dachstuhls beginnt, endet nicht mit dem Verschwinden der Flammen. Die Bewohner des Hauses suchen neue Unterkünfte. Auf Facebook werden ihnen Apartments angeboten, die auch besichtigt werden. Zum Semesteranfang gibt es viele Studierende, die gleichzeitig ein Zimmer suchen. Das Erdgeschoß im Brandhaus bewohnte der Eigentümer Gerd Z. (75) selbst, in der ersten Etage befand sich eine Wohngemeinschaft. Auch die Katze ist weg. Hat sie den Weg nach Draußen gefunden und weiß nun nicht wohin?





