Verkehrsgesellschaft verweigert Direkt­verbindung in die Stadt

Witten-Stockum/EN-Kreis. Seit sechs Monaten wird die Haltestellen Himmelohstraße von der Buslinie 371 nicht bedient, der Bus wird umgeleitet. Grund dafür sind Bergschäden im Bereich der Straße Bebbeldorf. Die Verkehrs­gesellschaft Ennepe Ruhr (VER) richtete eine Ersatzhaltestelle an der Sportanlage Pferdebachstraße ein. 700 Meter müssen Fahrgäste von der regulären Haltestelle zur Ersatzhaltestelle laufen. Der Weg führt bergauf. Zwanzigmal am Tag könnten eine Direktverbindung in die Stadt aufrechterhalten werden, wenn die Verkehrsgesellschaft es wollte, stockum.de fragte nach.

Das in Witten Baustellen länger dauern, ist allgemein bekannt. Als die Vollsperrung im Bebbelsdorf am 1. September 2023 eingerichtet wurde, gab die Stadt Witten keinen Termin für eine Wieder­er­öffnung bekannt. Die Verkehrsgesellschaft Ennepe-Ruhr prophezeite den 15. Oktober, dann Ende November und als dieser sich näherte Mitte Januar. Als stockum.de der Sechs-Wochen-Rhythmus auffiel und wir nachfragten, wurde der Termin einfach auf „Mitte April“ verändert.

Verstrichene Enddaten für das prophezeite Baustellenende auf der Homepage der VER

Umleitungsstrecke der Linie 371

Ein halbes Jahr ist vergangen, ohne dass eine bessere Lösung für die Fahrgäste gesucht wurde. Vor der Vollsperrung gab es von der Haltestelle Himmelohstraße – die sich auf der Hörder Straße befindet – ca. 50 Verbindung in die Innenstadt und ca. 30 nach Dortmund-Oespel. Alle Verbindungen fallen aktuell weg. Dafür warten die Busse an der Ersatzhaltestelle „Liegnitzer Straße“ – gegenüber dem Gartencenter – in Richtung Stockum 6 Minuten und in Richtung Innenstadt 2 Minuten die Abfahrtszeit ab, damit die VER den Fahrplan an den folgenden Haltestellen nicht anpassen musste.

Die VER bedauert, dass die Streckenführung aufgrund der Baumaßnahme geändert werden musste und teilt mit:

„Die Umleitungen werden grundsätzlich so geplant, dass es für unsere Fahrgäste insgesamt zu möglichst wenigen Einschränkungen kommt. Leider lässt sich hierbei jedoch nicht vermeiden, dass sich die Fahrten nicht ganz so komfortabel wie sonst üblich gestalten lassen oder auch einige Haltestellen nicht bedient werden können. Die gefahrenen Wagenkilometer sind hierbei jedoch nicht ausschlaggebend.“

Verkehrs­gesellschaft Ennepe Ruhr (VER)

stockum.de hat dem Verkehrsunternehmen vorgeschlagen die 8 Minuten Standzeit an der Haltestelle Liegnitzer Straße für die Bedienung der Haltestelle Himmelohstraße zu nutzen. Zwanzigmal am Tag verkehrt die Linie 371 nur bis zur Haltestelle Stockumer Bruch Wendeschleife. Die 20 Fahrten am Tag könnten über die Hörder Straße und Himmelohstraße zum Stockumer Bruch geführt werden. Dort hat der Bus regulär eine Minute Wendezeit und setzt seine Fahrt in Richtung Witten auf dem gewohnten Linienweg fort. Die Fahrgäste an der Himmelohstraße würde so einen Teil der Direktverbindungen in die Innenstadt wiedergewinnen.

VER lehnt die Idee ab

Die Antwort der zuständigen Fachabteilung fällt negativ aus. Die Rundfahrt wird nicht eingerichten. Die Verkehrsgesellschaft Ennepe Ruhr führt an, dass die Himmelohstraße „relativ schlecht befahrbar für Kraftomnibusse“ ist.

Mobile WAZ-Redaktion in Stockum. Im Jahr 2009 zweifelten Anlieger, ob die Busse der Linie 373 durch die Himmelohstraße passen. Damals argumentierten die Mitarbeiter der VER, des Kreises und der Stadt, dass es gar kein Problem wäre die Himmelohstraße zu befahren. (Foto: Marek Schirmer)
Mobile WAZ-Redaktion in Stockum. Im Jahr 2009 zweifelten Anlieger, ob die Busse der Linie 373 durch die Himmelohstraße passen. Damals argumentierten die Mitarbeiter der VER, des Kreises und der Stadt, dass es gar kein Problem wäre die Himmelohstraße zu befahren. (Foto: Marek Schirmer)

Am 25. Februar 2009 besuchte die mobile WAZ-Redaktion Stockum. Während der Diskussion mit den Anliegern der Himmelohstraße führten Mitarbeiter der VER- und des EN-Kreises an, dass auch andere Straßen in Witten eng sind und dort sogar im 15-Minuten-Takt eine Buslinie verkehrt, wie z.B. in Rüdinghausen auf der Brunebecker Straße, wo überwiegend Gelenkbusse eingesetzt werden. Um zu zeigen, dass der Bus durch die Himmelohstraße passt, wurden mehrere Probefahrten an diesem Tag angeboten. Im Juni 2009 wurde die Linienführung der Linie 373 geändert. Seitdem verkehrt der 373er montags bis freitags 15-Mal am Tag durch die Himmelohstraße.

Während der Rosenmontagumzüge in Stockum wurde die Buslinie 371 in beiden Fahrtrichtungen über die Himmelohstraße umgeleitet. (Foto: Marek Schirmer)
Während der Rosenmontagumzüge in Stockum wurde die Buslinie 371 in beiden Fahrtrichtungen über die Himmelohstraße umgeleitet.
(Foto: Marek Schirmer)

Während der Rosenmontagsumzüge in Stockum wurde die Linie 371 in beiden Fahrtrichtungen durch die Himmelohstraße umgeleitet und auch während des dreitägigen Festes „Stockum 2000“ verkehrte die Linie 371 in beiden Richtungen über die Himmelohstraße. Zugegeben, es wurde auch mal eng, weil der gesamte Straßenverkehr über die Himmelohstraße umgeleitet wurde.

Während des Festes „Stockum 2000“ wurde die Buslinie 371 ein ganzes Wochenende über die Himmelohstraße umgeleitet, weil die Hörder Straße vollgesperrt war. (Foto: Marek Schirmer)
Während des Festes „Stockum 2000“ wurde die Buslinie 371 ein ganzes Wochenende über die Himmelohstraße umgeleitet, weil die Hörder Straße vollgesperrt war.
(Foto: Marek Schirmer)

Verlängerung der Reisedauer

Ein weiteres Argument gegen die „Schleifenfahrt“ – schriebt die VER – ist die Verlängerung der Reisedauer. Dabei verlängert die VER die Fahrzeit seit 6 Monaten unnötig, denn die Linie 371 wartet laut Umleitungsfahrplan 6 Minuten am Gartencenter die Abfahrtszeit ab, obwohl die Fahrtdauer bis zur Endstelle nur 5 Minuten beträgt. Nur die Fahrgäste an der Haltestelle Mittelstraße würden zwei Mal in der Stunde 5 Minuten später ankommen. Die Fahrten in Richtung Dortmund-Oespel blieben unverändert, zweimal in der Stunde würden die Fahrgäste an der Haltestelle Mittelstraße wie gewohnt ankommen.

„Eng gestrickten Umlaufzeiten“

Ein Scheinargument der VER sind die „eng gestrickten Umlaufzeiten der Kurzläufer.“ Mit Kurzläufern bezeichnet die VER die Fahrten der Linie 371, die nur bis Stockum und nicht bis Dortmund-Oespel geführt werden. „Die Umlaufzeiten der Kurzläufer könnten aufgrund der dadurch fehlenden Fahrplanpuffer nicht weiter aufrechterhalten werden“, schreibt das Unternehmen. Doch heute reicht eine Excel-Tabelle und die in den Fahrplantabellen der Linien 371 und 373 aufgeführten Fahrzeiten, um dieses Argument durch einfache Addition zu entkräften. Wir haben es ausgerechnet und der VER die Zahlen vorgelegt. Eine Antwort darauf erhielten wir nicht.

„Schlechtere Erschließungsqualität“

Durch die Kappung der Direktverbindung von der Innenstadt zu den Haltestellen Mittelstraße und Stockumer Bruch würde es zu einer schlechteren Erschließungsqualität kommen, behauptet die Kommunikationsabteilung der VER. Fakt ist, dass im Fall der Haltestelle Mittelstraße bei ca. 20 von 50 Fahrten am Tag die Fahrdauer sich um 5 Minuten verlängern würde. Doch sind der VER die Fahrgäste aus dem Bereich Borgäcker und westliche Himmelohstraße weniger wert, dass ihnen ein 700-Meter weiter Weg zur Ersatzhaltstelle zugemutet wird, während den Fahrgästen aus dem Bereich der Mittelstraße nicht zugemutet wird wenige Minuten später Zuhause anzukommen? Ein Teil der Fahrgäste aus dem Bereich Mittelstraße würde bei der „Schleifenfahrt“ den Bus bereits in der Himmelohstraße verlassen und erst gar nicht zur Haltestelle Mittelstraße über den Umweg Stockumer Bruch fahren, weil die Fahrgäste in der Himmelohstraße und den Nebenstraßen Zuhause sind.

Linie 373 als Ersatz

Die VER empfiehlt den Fahrgästen aus dem Bereich Himmelohstraße die Linie 373 zu nutzen. Sie könnten an der Haltestelle Stockumer Bruch umsteigen. Die Umsteigezeiten betragen zwischen 3 und 8 Minuten rechnet uns die VER vor. Die Anschlüsse aus der Himmelohstraße von der Linie 373 zur Linie 371 sind tatsächlich kurz. Was die VER in ihrer Antwort verschweigt, sind die Anschlüsse aus der Innenstadt kommend zur Linie 373. Die Fahrgäste müssen irgendwie wieder nach Hause kommen. An der Haltestelle Gerdesstraße (beim Center Shop) müssen die Fahrgäste zwischen 10 und 25 Minuten warten. Bei so schlechten Anschlussrelationen entschließen sich die meisten Fahrgäste einfach zu laufen, statt den Bus zu nehmen. Häufig wird ein leerer Bus in der Himmelohstraße beobachtet, bei so schlechten Anschlüssen verwundert es nicht.

Frust bei den Fahrgästen

Senioren berichten stockum.de, dass sie sich mehrfach im Kundencenter der Bogestra beschwert hätten. Die Verkehrsgesellschaft Ennepe Ruhr erhielt ihre erste Konzession für die Buslinie 371 im Jahr 1995. Beschwerden an die Bogestra haben keine Wirkung, denn es ist ein anderes Unternehmen.

Wer in Stockum seine Stimme erhebt, wird vom Bus gar nicht mitgenommen, wie ein behinderter Fahrgast erfahren musste. Er wurde an der Haltestelle einfach stehengelassen – die WAZ berichtete.

Wer den Service der Verkehrsgesellschaft Ennepe Ruhr erlebt, weiß genau, dass der Slogan „Verkehrswende“ eine hohle Phrase ist, denn mit diesem Service überzeugte die Verkehrsgesellschaft ihre Fahrgäste nicht.

Unsere Berechnung basierend auf den Fahrzeiten in den Fahrplantabellen der VER

HaltestelleUmleitungsfahrplanVorschlag
Frankensteiner Str.xx:18xx:18
Liegnitzer Str.xx:25xx:19
Helfkampxx:26xx:21
Gerdesstraßexx:26xx:22
Walfischstr.||
Witten−Stockum Bf.||
Himmelohstr.|xx:24
Weizenkamp|xx:25
Gerdeshof|xx:26
Rüggenstraße|xx:28
Gerdesstraßexx:27|
Witten Mittelstr.xx:28|
Stockumer Bruchxx:29xx:29
Stockumer Bruch, Wendeschleifexx:30xx:30
Stockumer Bruch, Wendeschleifexx:31xx:31
Stockumer Bruchxx:32xx:32
Witten Mittelstr.xx:33xx:33
Gerdesstraßexx:34xx:34
Gerdesstraßexx:36xx:36
Helfkampxx:37xx:37
Himmelohstr.||
Witten−Stockum Bf.||
Walfischstr.||
Liegnitzer Str.xx:40xx:40
Frankensteiner Str.xx:41xx:41
Weiter nach Fahrplan – keine Änderung