Wenn es nicht mehr klingelt: Eine Stunde Stockum ohne Strom

Es sind die kleinen Gesten, die eine Nachbarschaft verraten: Wenn es plötzlich an der Tür klopft statt klingelt, dann ist etwas im Argen. In Witten-Stockum war es am Freitag genau dieser Moment, der zeigte, wie schnell aus moderner Selbstverständlichkeit eine improvisierte Steinzeitkulisse werden kann. Kein Licht, keine Kasse, keine automatische Tür – dafür Kerzen, Taschenlampen und ratlose Blicke vor verschlossenen Supermarkteingängen.

Ein Stromausfall, so nüchtern das Wort, ist in Wahrheit ein gesellschaftlicher Stresstest im Kleinformat. Für gut eine Stunde ging in Stockum nichts mehr. Oder genauer: nichts, was Strom braucht. Und das ist bekanntlich fast alles. Stadtwerke Witten-Sprecher Mathias Kukla bemühte das Bild vom „Dominoeffekt“ – eine charmante Umschreibung dafür, dass ein einzelnes, offenbar 10 kV-Kabel irgendwo am Rand des Stadtteils beschloss, den Feierabend einzuläuten.

Die Techniker der Stadtwerke Witten kannten zum Glück den richtigen Schaltkasten und konnten zügig mit der Störungsbehebung beginnen. Sprecher Mathias Kukla spricht von einer gefühlten halben Stunde – die den meisten Betroffenen allerdings deutlich länger vorkam. Stromausfälle halten sich selten an Drehbücher. Immerhin hielt sich die Erkenntnis hartnäckig, dass die Störungshotline zwar existiert, aber im Zweifel ebenfalls schnell an ihre Grenzen kommt – oder schlicht besetzt ist.

Besonders lehrreich wurde es, als die digitale Komfortzone gleich mit kollabierte. Kein Strom heißt kein Router, kein Router heißt kein Festnetz, und selbst der Mobilfunk verabschiedete sich streckenweise in den Feierabend. Wer dann noch Empfang hatte, durfte sich glücklich schätzen – vermutlich dank eines Sendemastes jenseits der Stadtgrenze. Die viel beschworene Vernetzung entpuppte sich als das, was sie ist: eine Kette, deren Stärke sich am schwächsten Glied bemisst.

Immerhin: Das gute alte Radio zeigte, dass es noch nicht zum alten Eisen gehört. Während auf UKW nur Rauschen herrschte, blieb der Empfang über DAB+ stabil – gesendet von Türmen, die weit genug entfernt standen, um nicht vom Stockumer Blackout erfasst zu werden. Ein leises Plädoyer für technische Redundanz, das man sonst eher in Katastrophenschutzbroschüren vermutet.

Und so bleibt nach einer Stunde Dunkelheit vor allem eine Erkenntnis: Wir sind hervorragend organisiert – solange der Strom fließt. Fällt er aus, greifen wir instinktiv zu Kerzen, suchen Batterien und wundern uns, warum die einzige Taschenlampe eher symbolisches Licht spendet. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieses kleinen Ausfalls: Er erinnert uns daran, dass Vorsorge kein altmodischer Spleen ist, sondern eine ziemlich zeitgemäße Tugend.

Denn eines ist sicher: Der nächste Stromausfall wird sich nicht vorher ankündigen. Er wird einfach wieder anklopfen. Ohne zu klingeln.

Stromausfall (Grafik; AI)
Stromausfall (Grafik; AI)

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