Witten-Stockum. Der Glasfaserausbau in Düren und Stockum nimmt spürbar Fahrt auf – zumindest auf dem Papier. Gleich drei Unternehmen haben im vergangenen Monat angekündigt, Glasfaseranschlüsse anzubieten. Während die Ausbaupläne der Telekom inzwischen konkreter werden, hat die E.ON-Tochter Westconnect bereits mit der Anbindung erster Häuser begonnen. Rund 3.100 Haushalte sollen perspektivisch vom schnellen Internet profitieren – sofern Eigentümerinnen und Eigentümer zustimmen. Denn für einzelne Verträge allein „wird kein Unternehmen Gehwege, Straßen und Vorgärten aufreißen, das ist schlicht zu teuer“.
Große Versprechen – zögerliche Umsetzung
Die Kommunikation der Telekommunikationsunternehmen ist offensiv. In Pressemitteilungen und bei Haustürbesuchen wird der Eindruck erweckt, der Ausbau stehe unmittelbar bevor. So schreibt 1&1, dass sich Haushalte „ab dem 02.02.2026 für Highspeed-Internet von 1&1 entscheiden“ können. Rein formal war diese Entscheidung jedoch schon früher möglich – nur fehlte es bislang häufig an der tatsächlichen baulichen Umsetzung.
Einige Bürgerinnen und Bürger warten bereits seit anderthalb Jahren auf die Realisierung ihrer Verträge. Das Problem: Anders als bei VDSL, das auf bestehenden Kupferleitungen basiert und durch die Bundesnetzagentur reguliert wird, muss bei Glasfaser zunächst eine neue Leitung bis ins Gebäude und – bei Mehrfamilienhäusern – bis in jede einzelne Wohnung verlegt werden. Viele Eigentümer zögern daher noch.
Rückblick: Geförderter Ausbau seit 2020
Glasfaser ist in Stockum kein völliges Neuland. Bereits im Oktober 2020 startete im Bereich „Am Katteloh“ an der Stadtgrenze zu Dortmund-Kley der geförderte Ausbau in unterversorgten Gebieten. Dort, wo sich Investitionen für private Anbieter wirtschaftlich nicht lohnten, griff die öffentliche Förderung. In dichter besiedelten Straßenzügen hingegen setzte die Politik auf Eigeninitiative der Telekommunikationsunternehmen – diese ließ jedoch lange auf sich warten.

Hinzu kamen strenge Auflagen der Stadt Witten bei der Wiederherstellung von Gehwegen nach Bauarbeiten. Erfahrungen aus Nachbarstädten mahnten zur Vorsicht: In Herdecke wurde eine frisch sanierte Straße aufgerissen, Absprachen seien nicht eingehalten worden. In Bochum-Linden beschädigte ein Bautrupp bei Glasfaserarbeiten eine Gasleitung – ein Haus explodierte, eine Bewohnerin kam ums Leben. Seitdem agieren Kommunen deutlich sensibler.
Pläne konkretisieren sich – mit Verzögerungen
Noch 2025 habe die Telekom signalisiert, „dass Witten-Stockum sie nicht interessiert“, erinnert sich Ulrich Schilling, Breitbandbeauftragter des Ennepe-Ruhr-Kreises. Erst Ende 2025 informierte das Unternehmen Stadt und Kreis über Ausbaupläne für diesen Stadtteil – allerdings ohne konkrete Straßenangaben.
Inzwischen liegt eine Ausbaukarte vor. Auffällig: Straßenzüge wie Borgäcker, Helfkamp und Wilhelmshöhe sollen ausschließlich durch Westconnect erschlossen werden. Das Unternehmen nennt Frühjahr 2027 als Fertigstellungstermin – und liegt damit rund 1,5 Jahre hinter ursprünglichen Planungen zurück. Schilling bewertet die Entwicklung dennoch positiv: Entscheidend sei, „dass der Ausbau überhaupt stattfindet“.
Die Stadt Witten bestätigt, dass Westconnect bereits Aufbruchgenehmigungen beantragt und erhalten hat. Diese seien mit 14 Tagen Vorlauf zu stellen, erläutert Stadtsprecherin Lena Kücücek. Mit der Telekom habe es bislang lediglich Vorgespräche gegeben.
Haustürgeschäfte in der Kritik
Parallel zum Netzausbau läuft die Vermarktung auf Hochtouren. In der ersten Februarwoche stand ein Magenta-Mobil auf dem Netto-Parkplatz in Stockum, Subunternehmer der Telekom warben um Vertragsabschlüsse. Stadt und Kreis kritisieren wiederholt irreführende Informationen bei Haustürgeschäften, haben jedoch keinen direkten Einfluss auf diese Praxis.
Die Verbraucherzentrale ist bereits aktiv und mahnt „schlechten Stil der Subunternehmer“ ab. Ulrich Schilling berichtet von 3 bis 15 Anrufen täglich: Bürgerinnen und Bürger suchten Orientierung. Die häufigste Frage – „Wann kriege ich Internet?“ – könne auch er nicht verbindlich beantworten.
Der Kreis plant daher, im März eine detaillierte Ausbaukarte mit adressgenauen Informationen zu veröffentlichen. Die Bereitstellung entsprechender Daten durch die Telekommunikationsunternehmen gestalte sich allerdings schwierig.

NACHGEFRAGT:
„In der Hörder Straße haben alle Hausnummern die Möglichkeit auf einen Glasfaseranschluss, die ungeraden und geraden – also auch die Hausnummern 282-308. In der Himmelohstraße erfolgt die Anbindung der Nr. 149 über die Hausnummer 147.“
QUELLE: TELEKOM
Geplantes Ausbaugebiet der E.ON-Tochter Westconnect
- Am Gerdeshof
- Am Katteloh
- Am Steinbruch
- Borgäcker
- Dorneystraße
- Dürener Straße
- Gerdesstraße
- Gröpperstraße
- Hausackerstraße
- Helfkamp
- Heuweg
- Himmelohstraße
- Hörder Straße
- Kellerhoffstraße
- Leibreddestraße
- Mittelstraße
- Paßmannstraße
- Pferdebachstraße
- Pflugweg
- Pleugerstraße
- Roggenkamp
- Rosenthalring
- Rüggenstraße
- Spiekermannweg
- Stockumer Bruch
- Stockumer Heide
- Stockumer Straße
- Sträterkampstraße
- Weizenkamp
- Wilhelmshöhe
Fördermittel für unterversorgte Adressen
Parallel zum eigenwirtschaftlichen Ausbau läuft das geförderte Programm von Bund und Land. Insgesamt 49,99 Millionen Euro fließen in den Ennepe-Ruhr-Kreis, davon 10,2 Millionen Euro nach Witten. 975 Adressen gelten hier als unterversorgt – die Bandbreite reicht nicht für stabile Videokonferenzen oder Streaming.
Den Ausbau übernimmt die MUENET GmbH nach europaweiter Ausschreibung. Ihr Auftrag: Glasfaseranschlüsse an Adressen mit weniger als 100 Mbit/s – für Haushalte kostenfrei. Dank Förderung ist keine Mindestbeteiligung erforderlich. Ab dem 2. März 2026 sollen Informationsschreiben versendet werden. Die Infrastruktur unterliegt dem Open-Access-Prinzip und steht allen Anbietern offen.
Technischer Sprung – auch im Upload
„Wir bauen auf jeden Fall aus“, versichert Telekom-Sprecherin Katja Kunicke. Eine Vorvermarktungsquote sei nicht erforderlich, der Spatenstich solle im März erfolgen. Das Ziel: 3.100 Haushalte und Unternehmen in Stockum anbinden.
Glasfaser ermöglicht symmetrische Geschwindigkeiten – bis zu 2.000 Mbit/s im Download und, je nach Tarif, 1.000 Mbit/s im Upload. Das ist insbesondere für Cloud-Anwendungen, Homeoffice und datenintensive Anwendungen relevant. Im Vergleich dazu sind über klassische Kabelanschlüsse oft nur 50 Mbit/s im Upload möglich.
Open Access und Wahlfreiheit
Sowohl Telekom als auch Westconnect setzen auf das Open-Access-Modell. Kundinnen und Kunden sind nicht an den Netzbetreiber gebunden. Produkte können unter anderem bei 1&1 oder Telefónica (O2) gebucht werden. Westconnect kooperiert bereits mit 1&1 und führt weitere Gespräche.
Für Mieter genügt in der Regel die Buchung eines Tarifs, die Abstimmung mit dem Eigentümer übernimmt der Anbieter. Eigentümer von Ein- oder Zweifamilienhäusern erhalten den Hausanschluss kostenfrei, sofern ein Tarif abgeschlossen wird.
1&1 betont die Bedeutung der Wahlfreiheit: Verbraucherinnen und Verbraucher seien „nicht an den Netzbetreiber gebunden, der den Ausbau vor Ort übernimmt“. Ein sorgfältiger Vergleich sei ratsam – insbesondere angesichts problematischer Haustürgeschäfte.
Glasfaser wird politischer Standard
Laut Gigabit-Grundbuch der Bundesnetzagentur verfügten im Juni 2025 bundesweit 42,9 Prozent aller Haushalte über einen Glasfaseranschluss bis ins Gebäude (FTTB) oder bis in die Wohnung (FTTH). Die EU-Kommission stellte am 21. Januar 2026 in Straßburg den Entwurf des Digital Networks Act vor. Die geplante Zielmarke für die Abschaltung der Kupfernetze ist 2035.
Das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung plant erste Modellregionen ab 2028. Sobald 80 Prozent einer Region versorgt sind, soll die schrittweise DSL-Abschaltung beginnen. Zwei Jahre zuvor dürfen keine neuen DSL-Verträge mehr vermarktet werden, ein Jahr vor Abschaltung sollen Verbraucher informiert werden.
Was bedeutet das für reine Telefonkundinnen und -kunden? Katja Kunicke verweist auf „Workaround-Lösungen“. Keiner soll zurückgelassen werden.
Bauarbeiten: Schnell und koordiniert?
Viele erinnern sich an die 1990er-Jahre, als für den Kabelanschluss wochenlang offene Gräben das Straßenbild prägten. Dieses Mal solle es anders laufen. Kunicke spricht von schmalen Gräben, die „in der Regel am nächsten Tag“ wieder geschlossen würden. Voraussetzung sei allerdings eine koordinierte Erschließung mehrerer Nachbarhäuser.
Fazit: Zwischen Dynamik und Geduld
Der Glasfaserausbau in Stockum und Düren ist in Bewegung – jedoch mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Während Politik und Verwaltung Transparenz einfordern, werben Unternehmen offensiv um Kunden. Technisch gilt Glasfaser als künftiger Standard.
Die Verbraucherzentrale rät dennoch zur Besonnenheit: „Bewahren Sie einen kühlen Kopf.“ Wer unsicher ist, sollte prüfen, ob tatsächlich mehr Bandbreite benötigt wird – und insbesondere in Mehrfamilienhäusern klären, ob der Anschluss bis in die eigene Wohnung geführt wird.
Fest steht: Der digitale Strukturwandel erreicht Stockum. Doch zwischen Ankündigung und tatsächlicher Inbetriebnahme liegt nicht selten eine Geduldsprobe.
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