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Exkursion von Medizin- und Psychologiestudierenden der Universität Witten/Herdecke nach Auschwitz-Birkenau (Foto: Universität Witten/Herdecke)
Exkursion von Medizin- und Psychologiestudierenden der Universität Witten/Herdecke nach Auschwitz-Birkenau (Foto: Universität Witten/Herdecke)

Ärztliche Bewusstseinsbildung: Das Unbegreifliche versuchen zu begreifen

Witten. Gegensätzlicher hätte das Selbstverständnis von Medizinern in Konzentrationslagern nicht sein können: SS-Ärzte trafen Entscheidungen über Leben und Tod, überwachten Tötungsvorgänge in Gaskammern und führten qualvolle medizinische Experimente aus. Häftlingsärzte hingegen versuchten alles, um ihren Mitgefangenen beizustehen und sie am Leben zu erhalten. Mit der Medizinethik zwischen Vernichtung, Instrumentalisierung und Heilung im Nationalsozialismus beschäftigten sich im April 2019 50 Medizin- und Psychologie-Studierende der Universität Witten/Herdecke (UW/H) in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.

Während der dreitägigen Exkursion gingen sie gemeinsam mit Historikern vor Ort intensiv der Frage nach, wie SS-Ärzte zu systematischen Mördern werden konnten. Die Exkursion ist zugleich Auftakt eines neu entwickelten dreijährigen Curriculums zum Thema „Ärztliche Bewusstseinsbildung und Ethik“, dessen jährlicher Schwerpunkt der Besuch eines Konzentrationslagers oder eines anderen Ortes der Vernichtung im Dritten Reich ist.

„Es wird immer unbegreiflich bleiben, wie Mediziner diese unmenschlichen und unbegreiflichen Gräueltaten begehen konnten. Trotzdem haben wir versucht, uns dieser sehr schwierigen Thematik ethisch-analytisch zu nähern. Wir wollten Einflussfaktoren erforschen“,

erklärt Marius Pouplier von Bonin, Medizinstudent im 5. Semester.

Zugleich beleuchteten die angehenden Mediziner Einzelgeschichten von Häftlingsärzten wie der französischen Psychiaterin Adélaïde Hautval (1906-1988), die selbst unter Lebensgefahr versuchten, Gefangene vor dem Tod zu bewahren. Dabei waren sie Grenzsituationen ausgesetzt, da Häftlingsärzte ebenfalls Selektionen vornehmen mussten. Für die Studierenden stand bei dem Thema die Frage im Vordergrund, wie Widerstand unter schwierigsten Umständen möglich war.

„Ziel des Curriculums ist es, über die Reflektion von verschiedenen medizinethischen Selbstverständnissen eine eigene Haltung zu entwickeln. Es geht darum, nicht in Ohnmacht zu verfallen, wenn man als Arzt in schwierigen Situationen ist, sondern auch, wenn nötig, Widerstand leisten zu können“,

betont Andrea Witowski. Sie studiert Medizin im 10. Semester und hat die Exkursion mitorganisiert.

Das neue medizinethische Modell-Curriculum wurde vom Integrierten Begleitstudium Anthroposophische Medizin (IBAM) an der Universität Witten/Herdecke und Prof. Dr. Peter Selg initiiert. Bereits seit 2005 führt der Professor für medizinische Anthropologie und Ethik an der Alanus Hochschule regelmäßig Seminare zur Medizinethik und zur NS-Medizin an der UW/H durch. Dabei beleuchtet er unter anderem die Voraussetzungen der Dynamik von Sozialdarwinismus, gesellschaftspolitischer Selektion und Vernichtung und untersucht Einzelschicksale.

„[Der Arzt] soll und darf nichts anderes tun als Leben erhalten, ob es ein Glück oder Unglück sei, ob es Wert habe oder nicht, dieses geht ihn nichts an, und maßt er sich einmal an, diese Rücksicht in sein Geschäft mitaufzunehmen, so sind die Folgen unabsehbar, und der Arzt wird der gefährlichste Mensch im Staat; denn ist einmal die Linie überschritten, glaubt sich der Arzt einmal berechtigt, über die Notwendigkeit eines Lebens zu entscheiden, so braucht es nur stufenweise Progressionen, um den Unwert und folglich die Unnötigkeit eines Menschenlebens auch auf andere Fälle anzuwenden“,

zitiert Prof. Selg den wegweisenden Arzt der Goethe- und Schiller-Zeit, Christoph Wilhelm Hufeland – und macht damit die Zeitlosigkeit der gesellschaftlichen Aufgabe und des Berufsethos von Medizinern deutlich.

Bereits im Vorfeld hatten sich die Nachwuchsmediziner und -psychologen gemeinsam mit Selg in einer Einführungsveranstaltung und mithilfe von Publikationen und Dokumentationen mit dem Holocaust auseinandergesetzt. Dabei erlernten sie auch die Methode des reflektierenden Schreibens, um ihre professionelle Identitätsbildung zu fördern. Begleitet wurden die Studierenden von der renommierten Psychologin Hedy S. Wald, die extra aus den USA anreiste. Die Studierenden protokollierten regelmäßig ihre Gedanken, Gefühle und Ansichten zu Grundsatzfragen der Medizinethik und des ärztlichen Selbstverständnisses, um ihre Persönlichkeitsentwicklung bewusst zu gestalten.

Geplant ist, die Ergebnisse am 1. November öffentlich an der UW/H zu präsentieren und in einer Publikation zu dokumentieren. Dafür benötigen die Initiatoren des Curriculums noch Spenden. Eingehende Beträge werden von der Bethe-Stiftung verdoppelt. Wer die Aktion unterstützen möchte, kann spenden an:

Verein zur Förderung von Lehre und Forschung in der Anthroposophischen Medizin e.V.

  • Apo-Bank Dortmund
  • IBAN: DE36 3006 0601 0006 0145 77
  • BIC: DAAEDEDDXXX
  • Stichwort: Ärztliche Bewusstseinsbildung